Norwegen hat uns die Tage davor komplett verwöhnt. Fjordstille, kaum eine Menschenseele, Temperaturen die selbst im Hochsommer selten über 22 Grad klettern – das Land hat so eine entspannte Art, einem das Gefühl zu geben, man hätte die ganze Landschaft für sich allein gebucht. Wir waren entsprechend gut drauf, als wir uns Richtung Preikestolen aufgemacht haben.

Kurze Randnotiz zur Anfahrt: Wir wären nach unserer Personenzahl eigentlich mit zwei Autos gefahren. Der Parkplatz am Preikestolen Fjellstue kostet pro Tag so um die 300 bis 400 NOK – das summiert sich, wenn man in Gruppen unterwegs ist. Die elegantere Lösung: ich bin früher gestartet und mit dem E-Bike die 14 Kilometer von Jørpeland hochgeschossen. Spart locker 30 Euro.

Am Parkplatz angekommen war dann klar: heute wird es voll. Sehr voll. Der Preikestolen ist mit seinen 604 Metern über dem Lysefjord eines der bekanntesten Naturziele Europas, und an diesem Tag war das spürbar. Die komplette Wanderung von unten bis oben – 3,8 Kilometer, rund 500 Höhenmeter, Stufen, Fels, rutschige Platten – ein nicht abreißender Strom aus Menschen. Der Weg ist dabei wirklich nicht ohne. Nichts Dramatisches für jemanden, der regelmäßig draußen ist. Aber auch kein Spaziergang.

Neben uns liefen Leute denen man jeden einzelnen Schritt auf den Stufen ansehen konnte. Menschen, die sowas normalerweise schlicht nicht machen. Und sie alle waren oben. Auf diesem irrwitzigen Felsplateau, das aussieht als hätte es jemand mit dem Lineal ans Gebirge gezeichnet, direkt über dem Fjord. Das ist eine beachtliche Leistung – und wir meinen das so ernst, wie man es nur meinen kann. Für eine Sehenswürdigkeit so viel auf sich zu nehmen, wenn man das sonst nicht tut, das verdient Respekt.

Ja, es war voll. Wir standen oben zwischen gefühlt tausend Menschen. Aber dieser Blick ist real – und die Erinnerung passt sich sowieso gerne an. In ein paar Jahren werden die anderen Menschen verblassen, und irgendwann stand man in seiner Erinnerung wie auf einem Instagram-Bild ganz allein auf dem Fels über dem Fjord. So funktioniert das nun mal. Und ehrlich gesagt ist das kein Fehler im System.

Was uns übrigens aufgefallen ist: alle Norweger, die uns den Weg empfohlen haben – und das waren einige – haben die Touristenmassen mit keinem einzigen Wort erwähnt. Einfach: tolle Wanderung, toller Weg, unbedingt machen. Kein Augenrollen, kein "aber pass auf, da ist es im Sommer ziemlich voll". Einfach nichts. Die haben recht. Manche Orte sind größer als der Rummel um sie herum.

Wer in der Nähe ist und mit dem Gedanken spielt: keine falsche Scheu. Einfach machen. Wer früh startet – wirklich früh, vor sieben – hat den Weg noch weitgehend für sich, und das Licht ist dann sowieso besser. Im September ist es generell ruhiger als im Juli oder August, ohne dass man auf gutes Wetter verzichten muss. Aber auch mitten in der Hauptsaison, mitten im Trubel: dieser Fels über dem Fjord ist es wert. Haken dran. Gerne wiederkommen.

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