Der Zinken und der Sorgschrofen sind zwei aneinader gereihte Gipfel direkt an der Grenze zwischen Bayern und Tirol – der eine Gipfel gehört den Österreichern, der andere den Deutschen. Zusammen ergeben sie eine schöne Überschreitung und zu Lisa’s Freude kann man sie nicht nur erwandern, sondern auch erklettern.

Mal wieder gemeinsam in eine Mehrseillänge zu starten, spontan an einem ausnahmsweise nicht verplanten Samstag ist ein schönes Gefühl. Wir sind zwar nicht der Vater und der Sohn (= D’r Alt und d’r Jung), wie die Route im Kletterfüherer heißt, aber wir haben eine klare Rollenaufteilung. Lisa hat einen alpinen Sommer hinter sich und einige extra langen Klettertouren, während Holger den Sommer zu seinem Berglaufjahr erklärt hat und in den letzten Wochen kaum einen Felsen angegriffen hat. Darum fungiert die Dame heute in der Rolle des Mountainguide und Holger lehnt sich, in seinen Worten gesprochen, zurück und lässt sich den Berg hochbringen.

Den Sommer noch im Kopf haben wir in Gedanken die langen Tage noch abgespeichert und können uns eigentlich nicht vorstellen, dass wir in die Dunkelheit kommen werden. Aber gleichzeitig haben wir mal wohlwissend, dass man sich derzeit leicht verschätzt, zwei Stirnlampen eingepackt.

Die Klettertour ist etwas alpin angehaucht – erst schlägt man sich weglos durch einen steilen Wald und Schrofen hinauf zum Einstieg durch. Das ist sehr typisch für den Zustieg zu einer Mehrseillängen Tour und wie immer istman nicht sicher, ob man hier überhaupt richtig ist, bis man den Standhaken samt Reepschnur aufblitzen sieht.

Im Gegensatz zum brüchigen und schrofigen Zustieg, ist die Kletterterei selbst an überraschend festem Fels und hält ein paar schöne Klettermeter parat.

Insgesamt sind es zehn Seillängen, die entlang des verwinkelten Nordgrats führen. Das beutet, dass man zehn Mal um die 40 Meter einer Route durch die Felswand folgt. Immer dem logischen Weg bzw. dem nächsten Haken nach. Den Partner holt man jeweils von einem fest eingebohrten Standplatz nach, um dann die nächste Kletterlänge anzugehen.

Am Gipfel angekommen, ist von dem warmen Nachmittag fast nichts mehr übrig. Stattdessen steht die Sonne schon tief und die Berge beginnen sich im Abendrot zu verfärben.

Die schwindende Sonne wird jetzt auch zum zweiten Abenteuer des Nachmittages. Den Gipfel zu erreichen ist nämlich immer nur die halbe Strecke. Vor uns liegt noch die Überschreitung zum Sorgschrofen, sowie der Abstieg zurück zu unseren Rädern und Abfahrt zurück zum Parkplatz.

 

Mit der letzten Dämmerung kommen wir bei den Fahrrädern an, montieren die Stirnlampen an den Helmen und fahren auf ruppiggen Wegen durch die Dunkelheit zurück Richtung Auto. Auf unserer Radtour bekommen wir an beiden am Weg liegenden Alpen, im tiefsten Dialekt, die nötige Anerkennung für unsere ausgedehnte Tour und noch beste Wünsche für einen sicheren Rückweg.

Im Moment lassen diese schönen, warmen Herbsttage ja etwas auf sich warten. Doch wir sind guter Dinge, dass sich vor dem nächsten, ordentlichen Schneefall die Sonne nochmals für ein paar Herbsttouren zeigen wird.

Bis dahin bereiten wir uns schon mal mental zusätzlich auf den Winter vor.

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