Lisa war die letzten 5 Tage in diversen Wänden im Lechtal und im Wilden Kaiser unterwegs. Die Touren waren sehr unterschiedlich in ihrem Charakter – von langen Zustiegen in leere Täler bis zur Kletterei oberhalb der Autobahn war alles mit dabei. Mal viele Haken, mal wenige. Sie ist sich selbst nicht ganz sicher, warum es sie immer wieder an die Felswände zieht – die Faszination an diesem Sport lässt sich schwer in Worte fassen.

Alpinklettern bedeutet in der Regel, dass man einen Gipfel erreichen möchte und in mehreren Seillängen, zwischen 20 und 50 Metern, bis zum Ziel klettert. Dabei kann es sich um eine 150 oder 1000 Meter hohe Wand handeln.

Die Klettertour kann sehr alpin sein, ist also mit wenigen Bohrhaken gesichert. Die fehlenden Bohrhaken erschweren die Orientierung, es braucht Gespür für die Wegfindung und Findigkeit, die Tour selbst abzusichern. Die Tour kann aber auch sportkletter-ähnlich abgesichert sein, so dass man “sehr einfach” den Haken folgen kann und immer gut gesichert unterwegs ist. Unabhängig davon, muss man immer den gewählten Schwierigkeiten gewachsen sein, darf sich fordern aber nicht überfordern.

Je nach Ausrichtung der Tour bzw. der Wand, kann man im Hochsommer in Nordwänden frieren oder im Herbst die Sonne in südseitig ausgerichteten Touren geniessen. Die Zustiege reichen von 5 Minuten für die besonders Lauffaulen, bis hin zu mehreren Stunden Wandern. In der Regel mit schwerem Rucksack und viel Schnaufen und Schwitzen. Der Abstieg wiederum kann entweder ganz gemütlich über den ausgewiesenen Wanderweg vom Gipfel erfolgen oder man muss sich über die Route abseilen. Manchmal muss man auch erst einmal weglos absteigen und abklettern, bis man irgendwann einen offiziellen Weg erreicht.

Es gibt Touren in schwer zugänglichen Gebieten und man kann den ganzen Tag seine Ruhe am Berg geniessen. Gleichzeitig gibt es aber auch bekannte Gebiete, mit kurzem Zustieg und gut gesicherten Routen, in denen man keine Sekunde alleine am Berg ist. Oder Modetouren, bei denen man Schlange stehen muss, um einsteigen zu dürfen.

Egal wo und egal wie gut abgesichert, beim Alpinklettern bleibt aber immer der Risikofaktor Natur. Man bewegt sich in natürlichem Fels, der stabil oder brüchig sein kann. Griffe und Tritte müssen nicht immer fest sein und man muss mit etwas Gespür und Bedacht klettern. Wenn viele Kletterer unterwegs sind, oder forsche Gämsen, muss man mit Steinschlag rechnen. Das Wetter ist immer ein Unsicherheitsfaktor und muss ständig beachtet werden – so weit, dass man seine manchmal mühselige und langwierige Planung vielleicht innerhalb von Minuten über den Haufen werfen muss.

All diese Faktoren entscheiden, ob man einen schönen Tag am Berg verbringt oder sich selbst in eine ungemütliche, manchmal gefährliche Situation bringt. Die Auswahl der Tour hängt also oftmals davon ab, wie alpin man unterwegs sein möchte – sprich wie sehr man sich vielleicht auch mal an seine Grenzen heran tasten möchte, wie warm/kalt es gerade ist oder auch wieviel Zeit und welches Kletterkönnen man mitbringt.

Alpinklettern hat somit ganz viele unterschiedliche Facetten und ist für mich die schönste Spielform des Kletterns. Man kann den ganzen Tag am Berg unterwegs sein und eine Tour in der passenden Schwierigkeit – auch wieder in Kombination mit Absicherung und Ernsthaftigkeit – auswählen. Es bleibt immer ein gewisser Abenteuerfaktor, man kann an seine Grenzen gehen und immer wieder etwas dazu lernen. Am Ende steht man am Gipfel, mit 360 Grad Blick und kann auf seine Leistung zurück blicken. Vorausgesetzt alles läuft wie geplant.

Der erste Teil der Faszination am Alpinklettern ist für mich schon die Planungsphase. Man wälzt Kletterführer, verfolgt Empfehlungen und träumt vor sich hin, welche Touren man noch klettern möchte. Manche Kletterführer enthalten detaillierte Beschreibungen zur Erstbegehung, man taucht ein in Klettergeschichte und identifiziert sich mit den Touren.

Von Tour zu Tour schätzt man sich selbst besser ein, verbessert sein Zeitmanagement, lernt mit unvorhergesehenen Situation ruhig(er) umzugehen und kann so seine Planung für die nächste Tour optimieren. Man wählt aber nicht nur seine Tour, sondern auch seinen Partner sorgfältig aus. Beim Alpinklettern ist der Partner, der am anderen Ende des Seils hängt und das Vertrauen, dass man in sie oder ihn setzt, ein integraler Bestandteil. Eine Seilschaft ist ein Team und muss auch immer so agieren. Wie bei keiner anderen Sportart ist man so von seinem Partner abhängig und lernt dabei auch viel über sich und den Partner. Man meistert gemeinsam schwierige Situationen, feuert sich gegenseitig an und muss auch mal für seinen Partner einstehen – wenn dieser der Situation nicht gewachsen ist.

Beim Abstieg unserer letzten Tour im Wilden Kaiser, meinte meine Partnerin, dass für sie ein großer Teil der Zufriedenheit, die sie beim Klettern fühlt, auch die Erleichterung ist, gemeinsam gut wieder unten angekommen zu sein. Die Zufriedenheit, dass alles wie geplant funktioniert hat, man einen schönen Tag am Berg hatte und man mit vielen neuen Eindrücken und meist auch etwas abenteuerlichen Geschichten zurück nach Hause gehen darf.

Während des Kletterns ist natürlich das Klettern selbst, die losgelöste Bewegung, das Faszinierende. Wie man sich durch die Wand bewegt, schwierige Griffabfolgen meistert, wie man sein Gewicht auch nur einen Zentimeter nach rechts verlagert und plötzlich an einer scheinbar unmöglichen Stelle doch noch weiter nach oben kommt. Klettern ist eine natürliche Bewegung, jedes kleine Kind zieht sich nach oben und klettert gerne. Wenn man dann noch die Möglichkeit hat, dies in hohen Felswänden umzusetzen, spürt man ein Gefühl von Freiheit. Jede einzelne Seillänge ist ein kleiner Erfolg – wenn man nach einer schwierigen Länge am Standplatz ankommt, verspürt man ein intensives Gefühl von Erleichterung und Triumph. Es geht aber nicht nur um Erfolge, sondern auch um Genuss. Meine Kletterpartnerin kam bei einer unserer Touren an den Standplatz und meinte mit einem breiten Grinsen: “Jetzt weiß ich wieder, warum ich Alpinklettern so toll finde”. Das Flowgefühl und dann auch die Freude, die man beim Klettern erlebt, wenn sich schwierige Kletterstellen ins Nichts auflösen und man hoch konzentriert Griff für Griff klettert, ist schwer zu erklären. Doch jeder der sportlich unterwegs ist, wird es in der einen oder anderen Form kennen – so wie ein besonders schöner Trail, dem man auf dem Bike oder laufend in Richtung Tal folgt. Nur man selbst und die Bewegung.

Beim Alpinklettern ist dieses Flowgefühl fast noch intensiver, da man sich zusätzlich immer mit der Umgebung auseinander setzen muss. Gleichzeitig stellt sich aber nicht immer nur ein Flowgefühl ein, sondern man ist auch mental stark gefordert. Man klettert oft weit oben, mit viel Luft unter den Sohlen. Die Kletterzüge und Bewegungsabfolgen sind sehr komplex und unterscheiden sich auf Grund der natürlichen Strukturen und Gesteinsarten sehr stark vom Sportklettern. Auf Kamine und Verschneidungen folgen Wasserrillen und weite Risse. Alles Strukturen, die man in der Kletterhalle nicht trainieren kann. Die Kombination aus Höhe, anspruchsvollen und ungewohnten Bewegungen und in der Regel doch etwas weiteren Hakenabständen macht das Klettern mental anstrengend. Umso schöner ist es, diese Situationen zu meistern. Vielleicht zieht es einen auch deswegen immer wieder zurück an die Wand: Man wächst mit seinen Herausforderungen. 

Klettern ist in der Regel eben nicht nur Plaisir und Freude. Teilweise friert man, hängt in einer windigen kalten Nordwand und frägt sich, was man da eigentlich macht. Vor ein paar Tagen sind wir eine Nord-Westwand im Lechtal geklettert, mit mehreren Schichten an, langen Hosen und Kapuze am Kopf. Unter uns die Wanderer im Sonnenschein. Man klettert vor sich hin, dem Gipfel entgegen. Friert ein bisschen und bereut im ersten Moment, in die Schattenseite des Berges eingestiegen zu sein.

Doch selbst hier, überwiegt nach einigen Seillängen ein Gefühl von Freude und Erfolg. Man wächst über sich hinaus, kann seine Grenzen verschieben und sich so auch mental weiter entwickeln. Und wenn dann irgendwann die ersten Sonnenstrahle um die Ecke kommen, ist die Welt wieder gut.

Und zu guter Letzt beschert einem das Alpinklettern immer wieder aufregende, lange und schöne Tage am Berg. Es geht auch viel darum, draussen unterwegs zu sein. Auf unbekannten Wegen zu gehen, neue Eindrücke zu erhalten, neue Gegenden zu erkunden und neue Gipfel – auf einem etwas anspruchsvolleren Weg – zu besteigen. Besonders die Touren mit einem langen Zustieg, vielen Seillängen und anspruchsvollen Abstiegen bleiben im Kopf. Wobei ich gerne auf anspruchsvolle Abstiege verzichten könnte. wink

Dabei lassen sich immer wieder sehr besondere Momente erleben und man führt gute Gespräche. Sowohl mit seinem Seilpartner, mit dem man schließlich stundenlang unterwegs ist, als auch mit Menschen, die man entlang des Weges trifft. Alle verbindet die gleiche Leidenschaft für die Berge. Und auch hier lernt man wieder etwas dazu, über die Vielseitigkeit der Menschen und deren Berggeschichten. Wird toleranter und offener und dankbarer dafür, unterwegs sein zu können in dieser schönen Welt.

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