Mein Papa ist vor 40 Jahren schon Bergläufer gewesen. Nur hatte das damals keinen expliziten Namen und definitiv auch keine eigens designte Bekleidung. Es gab weder Laufwesten, Vario Carbon Micro Trail Pro Laufstöcke, noch die Unterscheidung in Speed Hiking und Ultra Distanz.

Er hat seine Lieblingsshorts angezogen und ist in der Mittagspause einfach losgelaufen. Und war dann 20 km später wieder da.

Mittlerweile scheint das Berglaufen aber eine richtige Wissenschaft geworden zu sein. Im Laufsportgeschäft unseres Vertrauens gibt es jede Menge unterschiedliche Schuhe und man muss schon recht genau wissen, für welchen Einsatzzweck man den Schuh nutzen möchte. Wenn man dann draussen unterwegs ist, scheint jede zweite Person, die man trifft, frisch aus den Sportgeschäft zu kommen. In leuchtenden Farben und mit allerlei Extras streben die Bergläufer gehend dem Gipfel entgegen. Den „Hype“ ums Berglaufen gibt es jetzt bereits seit ein paar Jahren, er hat sich unmerklich eingeschlichen und das Thema ist nun in jedem Sportgeschäft omnipräsent.

Auch wir bezeichnen uns irgendwie als Bergläufer und sind liebend gern mit unseren kleinem Rucksäcken möglichst lange oder/ und möglichst schnell in den Bergen unterwegs.

Zuhause im Allgäu oder auch in meiner Heimat in Oberösterreich hat man seinen Hausberg. Man kennt jede Stufe, jede Kurve und jeden Felsblock in und auswendig und versucht – an guten Tagen –  möglichst schnell am Gipfel anzukommen. Dann kommt man schnaufend oben an, muss sich erst einmal sammeln bevor man die anderen Gipfelstürmer begrüßen kann und sitzt dann noch immer nach Luft schnappend mit einem dicken Grinsen am Gipfel und freut sich nochmal 5 Sekunden schneller gewesen zu sein.

Wenn das Wetter am Wochenende dann nicht gut genug ist zum Klettern oder Biken, oder wir einfach Lust auf eine große Bergrunde haben, versuchen wir uns anhand von Karten eine Berglaufrunde zusammen zu stellen. Im Allgäu gibt es hier viele Optionen. Angefangen beim Grünten, den man in diverse Richtungen überqueren kann, bis hin zu den Bergen des Kleinwalsertals, wo sich die Wanderwege in die einzelnen Seitentäler zu ausgedehnten Runden zusammen schließen lassen. Eines unserer liebsten Highlights ist die Überquerung der Nagelfluhkette, eine etwas den Hauptalpen vorgelagerte Gebirgskette bei der man mehrere Gipfel nacheinander erläuft.

Beim Berglaufen kommt es immer stark darauf an, in welcher Region wir uns gerade befinden. Sowohl die Topographie als auch die Wegeinfrastruktur spielen eine große Rolle.

In Österreich, der Schweiz und Deutschland ist in der Regel sehr viel an Infrastruktur vorhanden. Die Wege sind gepflegt und man kann sich mit der Beschilderung schnell orientieren. Wenn wir auf Reisen sind, ist das Berglaufen immer die einfachste Möglichkeit eine Gegend zu erkunden. Man braucht keine Ausrüstung und kann praktisch überall Laufen gehen. Wobei „praktisch überall“ dann doch auch nicht stimmt. In manchen Gegenden fehlt es an Informationen, wo sich Wanderwege befinden bzw. sind diese oftmals nicht gleich als „Wege“ zu erkennen. Es geht über Stock und Stein und die Wegfindung ist nicht sehr eindeutig. Manchmal folgt man auch lediglich ein paar Steinmännern oder Markierungen und muss quer durchs Dickicht. Besonders in Norwegen und auch hier in Portugal ist es uns schon mehrfach passiert, dass wir eigentlich zum „Laufen“ wollten und die ausgesuchten Touren dann eher schnelles Wandern durch die Wildnis waren und nicht wirklich viel mit Laufen zu tun hatten. Dann geniessen wir den abenteuerlichen Touch und freuen uns wenn wir doch irgendwann einen Weg erreichen, auf dem man sich wieder etwas schneller fortbewegen kann.

Im Nationalpark Peneda-Geres, im Nordosten Portugals gibt es eine Mischung aus Wanderwegen und Steigen. Die Steige sind zwar in den Karten verzeichnet, sind aber draussen in der Natur nur mit Steinmännern markiert und teilweise ist gar kein Weg vorhanden. In der Regel lässt sich im Vorfeld aber anhand der Karten (bisher haben wir auf Online-Karten zurück gegriffen) nur schwer heraus finden, ob die Wege nun ausgebaut sind oder nicht. Zum Laufen eignen sich die unausgebauten Wege nur bedingt. Sie sind oft sehr ruppig, es liegen viele Steine im Weg und man muss große Stufen bezwingen. Neu war bei unserer aktuellen Laufrunde, dass die Wege sehr verwachsen waren. Zugewachsen mit diversen stacheligen, kratzigen kleinen Stauden. So kämpft man sich mal laufend, mal schimpfend vorwärts.

Aber egal wie gut oder schlecht die Wege sind, die Landschaften sind in der Regel beeindruckend und auf Grund der Tatsache, dass man sich über mehrere Kilometer bewegt, sehr abwechslungsreich. Gerade beim Berglaufen kommt man durch unterschiedliche Vegetationsstufen, da man ja „bergauf“ läuft. In unserem speziellen Fall war uns definitiv der felsige, karge Gipfelabschnitt lieber, als die mittlere, mit stacheligen Stauden bewachsene, Vegetationsstufe.

Den Hype ums Berglaufen können wir also schon ganz gut verstehen. Die Freiheit, einfach loszulaufen, sich ein bisschen den Berg hinauf „zu quälen“ und dann möglichst schnell wieder zurück am Ausgangsort zu sein hat seinen Reiz. Man kann seine Grenzen sehr einfach erreichen und auch verschieben, sich auspowern und den Kopf frei bekommen. Es zählt nur der nächste Schritt. Dabei hat man mit dem Gipfel immer ein gutes Ziel vor Augen. Dazu kommt das „Zurück zur Natur“ Gefühl, man bewegt sich auf schmalen Wegen, in Wäldern oder mit tollen Ausblicken vor Augen und je nach Region, kann es sein, dass man stundenlang ganz alleine in der Natur unterwegs ist.

Ganz entkommen sind wir dem Hype übrigens auch nicht, besitzen Laufrucksäcke und Trinkblasen und kaufen Ultraschuhe, obwohl wir maximal 25 Kilometer laufen. Nur gegen die Laufweste mit aufgesetzter Trinkflasche wehre ich mich noch ein wenig.

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